Skip to main content
DE
Back to issue Corporate

Arbeitskampf in Grangemouth

Arbeitskampf in Grangemouth
Issue 5 2013

Der Standort Grangemouth mit dem Refining-Joint-Venture Petroineos gehört zu den drei größten INEOS-Standorten. Er wurde vor mehr als 50 Jahren zur Verarbeitung von Erdöl und Erdgas aus der Nordsee errichtet.

Video

GRANGEMOUTH DISPUTE

00:00

Seit der Krise 2008 war die Leistungskraft des Standortes gesunken, und um über die Runden zu kommen, war er seither jedes Jahr finanziell auf andere Geschäftsbereiche der INEOS-Gruppe angewiesen. Insgesamt mussten in diesem Zeitraum von der Gruppe 600 Millionen GBP (715 Millionen Euro) aufgewendet werden.

Zum Komplex gehören zwei Unternehmensbereiche, die beide ihre Probleme haben. Seit Ausbruch der Krise litt der Raffineriesektor in Europa unter dem schlechten Geschäftsumfeld und niedrigen Gewinnspannen. Er litt zudem unter geringer Zuverlässigkeit und hohen Kosten.

Im Zentrum des zweiten Geschäftsbereichs befindet sich Chemicals mit dem KG-Kracker, der Nordseegas in Olefine umwandelt. Diese Gasvorkommen haben in den letzten Jahren rapide abgenommen, weshalb wir nur zu 50 Prozent ausgelastet sind. Hinzu kommt die viel zu hohe Kostenbasis.

Grangemouth (Chemicals und Refining) konnte seine hohen Fixkosten nicht senken, was eine anhaltende Belastung für das Unternehmen darstellte, da die am Standort ansässige britische Gewerkschaft Unite keine Gesprächsbereitschaft über den Ernst der Lage signalisierte.

Die Pensionsregelungen sind ein Paradebeispiel für die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit. Die typische Rente entspricht in Grangemouth in vielen Fällen 65 Prozent des Gehalts. Das ist einfach nicht bezahlbar. Löhne und Gehälter sind doppelt so hoch wie im britischen Durchschnitt. Alle Versuche, über diese unhaltbare Situation zu sprechen, waren erfolglos und wurden mit Streikdrohungen beantwortet. Unite drohte 2013 dreimal mit Streik: im Februar, Juli sowie im October. Durch Streikmaßnahmen im Jahr 2008 entstanden dem Unternehmen Kosten von 120 Millionen GBP und verhinderten in Grangemouth dringend notwendige Infrastrukturinvestitionen.

Nach einem „Sommer der Unzufriedenheit“ mit dem Gewerkschaftsvertreter Stevie Deans, der bedauerlicherweise INEOS-Einrichtungen und Informationen missbraucht hatte und immer höheren Verlusten, beschlossen wir, dass der Standort Grangemouth entweder einlenken oder geschlossen werden müsste.

Das einzige positive Zukunftsszenario für Chemicals bestand in der Ergänzung schwindender Erdgasreserven in der Nordsee durch Schiefergas aus den USA, das reichlich und günstig zu haben ist. Zum Transport umfangreicher Gasmengen sind jedoch Investitionen und Infrastruktur nötig. Für den Umgang mit Flüssiggasen bei Temperaturen von -100°C braucht man Spezialschiffe und große Import- und Exportterminals. Die für den Import und die Verarbeitung von US-Schiefergas in Grangemouth erforderliche Gesamtinvestitionssumme beträgt etwa 300 Millionen GBP, wozu allein 150 Millionen GBP zum Bau des Importterminals vor Ort benötigt werden.

Vor dem Sommer hatte INEOS Capital gegenüber dem Management Bereitschaft gezeigt, dieses „Transformationsprojekt“ für Grangemouth zu finanzieren, allerdings nur unter der Bedingung, dass die Kosten einschließlich der unerschwinglichen Rentenregelungen und Gesamtlohnkosten für das Personal auf 100.000 GBP pro Jahr (120.000 EUR bzw. 160.000 USD) gesenkt werden.

Das Management erstellte einen „Überlebensplan“ für Grangemouth, der u. a. vorsah, die aktuellen Rentenregelungen abzuschaffen und durch ein branchenführendes Altersversorgungssystem, einen dreijährigen Lohnstopp und Änderungen bei Kündigungsbedingungen und Arbeitsflexibilität zu ersetzen. Als Gegenleistung erklärte sich INEOS dazu bereit, 300 Millionen GBP in den Import von US-Erdgas zu investieren.

Die Gewerkschaft Unite zeigte weiterhin keine Gesprächsbereitschaft zum „Überlebensplan“, was unvermeidlich weitere Verluste nach sich zog und ferner bedeutet hätte, dass andere Geschäftsbereiche der INEOS-Gruppe Grangemouth weiter unterstützen müssten.

Die Beschäftigten wurden zur Abstimmung über den Überlebensplan gebeten, doch war das Ergebnis bedauerlicherweise gespalten.

Diesem enttäuschenden Wahlausgang folgten zahlreiche interne Besprechungen, nach denen wir keine andere Möglichkeit hatten, als die Schließung des Bereichs Chemicals anzukündigen, um weitere Verluste abzuwenden.

In letzter Minute lenkte die Gewerkschaft ein und stimmte den erforderlichen Reformen zu, um die Finanzierung von 300 Millionen GBP zu sichern.

Rückblickend war das Ergebnis für den Standort sehr positiv. Damit ist sein Fortbestand erst einmal gesichert und Grangemouth kann in eine gute und nachhaltig angelegte Zukunft blicken.

Allerdings ist es sehr schade, wie der ganze Prozess abgelaufen ist. Bei Beschäftigten und deren Angehörigen wurden Ängste geschürt und von Firmengelder in Höhe von mehr als 40 Millionen Euro vergeudet.

Das war nicht notwendig und verschwenderisch. In Grangemouth muss eine konstruktive Form des Dialogs zwischen Beschäftigten und dem Management gefunden werden, wie dies in nahezu allen unserer Standorte der Fall ist, unabhängig davon, ob sie gewerkschaftlich organisiert sind oder nicht. In den letzten Jahren gab es zwei Streiks, die 200 Millionen Euro kosteten, Jahre aggressiver Auseinandersetzungen mit Gewerkschaften, viele Streikdrohungen und schwere Verluste. Die Welt ist im Wandel, Unternehmensglück dreht und wendet sich. Manchmal ist Wandel unausweichlich und zu Gesprächen darüber bedarf es eines wirksamen Forums.

Für die Zukunft fordere ich die Beschäftigten von Grangemouth auf sich zu überlegen, wie sie effizient und konstruktiv vertreten werden wollen und zu bedenken, dass sowohl Arbeitnehmer als auch Arbeitgeber von einer erfolgreichen Zukunft für Grangemouth profitieren.

JIM RATCLIFFE