Im vergangenen Jahr begann INEOS darauf hinzuweisen, dass die petrochemische Industrie in Europa mit großen Herausforderungen von außen und innen konfrontiert sei. Seitdem wurde nicht viel getan, um Europas Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Amerika, dem Nahen Osten und China zu verbessern. Momentan ist Europa einer der teuersten Standorte weltweit für die Produktion von Petrochemikalien. Dies muss sich ändern und die Politiker in Europa müssen diese Bedrohung für die Wettbewerbsfähigkeit erkennen, bevor es zu spät ist, so INEOS-Vorstandsvorsitzender Jim Ratcliffe.
Europa zaudert. Das kann es sich aber nicht leisten, wenn es eine wettbewerbsfähige Chemieindustrie behalten möchte, erklärt INEOS-Vorstandsvorsitzender Jim Ratcliffe.
„Es sieht nicht gut aus für Europa, aber Europa scheint das Schicksal seiner Chemiebranche nicht wahrzunehmen“, fügt er hinzu. „Ich sehe Ökosteuern, aber kein Schiefergas, ich sehe die Schließung von Kernkraftwerken und Industrieanlagen. Ich fürchte, dass die Wettbewerbsbehörden in Brüssel sich der Tsunamis an Importprodukten nicht bewusst sind, die auf Europa zukommen. Und ich sehe, wie diese Behörden vor der notwendigen Restrukturierung die Augen verschließen.“
In einem offenen Brief an José Manuel Barroso, den Präsidenten der EU-Kommission, fordert Jim diesen auf, dringende Maßnahmen einzuleiten, um die chemische Industrie in Europa zu schützen.
„Strategisch und wirtschaftlich gesehen sollte keine große Volkswirtschaft ihre chemische Industrie im Stich lassen“, merkt er an.
Die Ergebnisse von INEOS haben sich in Europa in den letzten drei Jahren halbiert, in den USA dagegen haben sie sich verdreifacht. BASF, das größte Chemieunternehmen der Welt, hat erstmals eine strategische Kürzung der Investitionen in Europa angekündigt und als Grund stagnierende Märkte, teure Energie und hohe Arbeitskosten angeführt.
„Energie in Form von Gas kostet in Europa heute dreimal so viel wie in den USA, während Strom um fast 50 Prozent teurer ist“, erläutert Jim. „Europa verfügt über keinerlei kostengünstige Rohstoffe, die Rohstoffkosten in den USA und im Nahen Osten befinden sich in einer ganz anderen Liga.“
Ihm zufolge hat Schiefergas die Wettbewerbsfähigkeit der USA transformiert und das Selbstvertrauen gesteigert.
„Investitionen in die petrochemische Industrie in den USA auf Basis von Schiefergas sind in Höhe von 71 Milliarden US-Dollar geplant“, fügt er hinzu. „Diese Investitionen könnten sich auf mehr als 100 Milliarden US-Dollar erhöhen. Im Gegensatz dazu meldet Europa eine Anlagenschließung nach der anderen.“
Allein in Großbritannien wurden 22 Chemieanlagen seit 2009 geschlossen.
Die Chemie ist abhängig von wettbewerbsfähigen Energie- und Rohstoffkosten. Obwohl die Chemieindustrie sehr technisch geprägt ist − und dies war historisch gesehen auch ein Grund für den bisherigen Erfolg Europas − kann Technologie alleine die Industrie nicht retten. Er warnt davor, dass die gesamte Industrie innerhalb von zehn Jahren ausgelöscht werden könnte.
„Die europäische Textilindustrie wurde ausgelöscht, weil sie nicht mit dem asiatischen Lohnniveau mithalten konnte“, merkt er an. „Die Chemieindustrie könnte denselben Niedergang erleben, sie könnte bald ein weiterer europäischer Dinosaurier werden.“
Die Chemieindustrie in Europa bietet derzeit eine Million direkte und fünf Millionen indirekte Arbeitsplätze.
„In Europa teilen sich Chemie- und Automobilindustrie mit je einer Billion US-Dollar den ersten Platz“, fügt Jim hinzu. „Aus wirtschaftlicher Sicht ist damit die Chemieindustrie eine Schlüsselbranche in Europa.“
In seinem Schreiben wies Jim zudem auf die ernste Bedrohung durch China hin, das bis 2020 zur größten Wirtschaftsmacht der Welt werden kann.
„In China wird ständig gebaut“, führt er weiter aus. „Während sie in den letzten Jahren den gesamten Weltüberschuss an Chemieproduktion importiert haben, werden sie schon bald ihren Bedarf über lokale Produktion abdecken. Darüber hinaus könnten sie demnächst im großen Stil beginnen zu exportieren.“